Ich hätte nie gedacht, dass ich tot spielen müsste – Meine Flucht vor der Gewalt in meiner deutschen Familie
„Du bist zu nichts gut, Sabine!“ – Die Stimme meines Mannes, Thomas, donnerte durch unsere kleine Küche in Leipzig, als hätte er auf einen unsichtbaren Gong geschlagen.
Mein Herz raste. Ich hörte, wie der Holzstuhl hinter mir gegen den Fliesenspiegel schlug. „Warum machst du es immer schlimmer? Reicht es dir nicht, was du bist?“ fragte er lauter, die Hände zu Fäusten geballt. Ich blickte auf meine zitternden Finger und zählte heimlich Sekunden, in denen ich vielleicht doch entkommen konnte. Doch dann brachte ich kein Wort mehr hervor. Ich hatte Angst, dass jedes weitere Wort die Situation nur verschlimmern würde. Es roch nach verbrannten Kartoffeln und feuchtem Schweiß – eine Mischung, die mir einen Würgereiz brachte.
Die Kinder waren längst in ihren Zimmern, der Fernseher lief laut genug, um alles zu übertönen. Anna, unsere älteste, hatte oft Kopfhörer auf. Frederik, unser Jüngster, verschanzte sich hinter seinem Lego-Turm. Wahrscheinlich hörten sie doch jedes Wort, jedes Krachen.
Einmal hatte ich meinen Nachnamen vergessen. 23 Ehejahre lang hieß ich Sabine Müller, jetzt war ich Sabine Fischer. Der Name war geblieben, aber ich fühlte mich nicht mehr wie ich selbst. Die Frau, die ich vor der Ehe war – laut, lebendig, wild entschlossen, mit Freunden lachend Bier auf dem Karl-Heine-Kanal trinkend – existierte nicht mehr.
Ich hörte Thomas‘ Schritte, die langsam um mich kreisten, als wäre ich das verletzte Wild und er der geduldige Jäger. „Soll ich dir zeigen, wie nutzlos du bist?“, flüsterte er plötzlich. Ein Schlag traf mich an der Schläfe, härter als je zuvor. Ich schmeckte Blut. Ich wusste, dass ich jetzt etwas tun musste, das ich mir nie hätte vorstellen können. Ich ließ mich fallen, so schwer und schlaff, wie ich nur konnte und hörte auf zu atmen. Stille.
Thomas schnaubte. Ich sah seine Schatten über mir tanzen. „Sabine?“ Keine Antwort. Ich spannte alle Muskeln, um mich nicht zu verraten. Er rüttelte an mir, trat mich in die Seite, doch ich blieb reglos. „Scheiße…“, murmelte er schließlich, rannte aus der Wohnung.
Ich lag einige Minuten so, bis ich sicher war, dass er weg war. Dann schleppte ich mich ins Bad, betrachtete den zerfurchten Spiegel. Blut tropfte aus meiner Lippe, mein rechtes Auge schwoll langsam zu. Das war der Moment: Ich wusste, ich durfte nicht länger bleiben. Nicht für ihn, nicht für die Kinder, nicht für mich.
Ich packte schnell ein paar Sachen, umklammerte meine Brieftasche, rief leise nach Anna. Sie sah mich an, blickte auf die Verletzungen, und ihre Augen wurden hart. „Gehen wir?“, fragte sie nur. Ich nickte. Wir schlichen durch das Treppenhaus, jedes Knarren wie ein Feind. Unten wartete das Taxi.
Im Frauenhaus in Dresden, das uns für die ersten Wochen aufnahm, roch es nach Desinfektionsmittel, aber die Wärme in den Stimmen der Sozialarbeiterinnen schien echt. Zum ersten Mal seit Jahren schlief ich eine Nacht durch, ohne bei jedem kleinen Geräusch zusammenzuzucken. Die anderen Frauen dort – Nadja aus Halle, Birgit aus Pirna – erzählten ähnliche Geschichten. Jede klang wie ein Schlag in die Magengrube, aber jede war auch ein Zeichen: Ich war nicht allein.
Die Wochen vergingen – Alltag, Behördenpost, Angst vor Thomas‘ Wut, wenn er uns finden würde. Einmal rief er an und bedrohte mich, aber im Frauenhaus war ich geschützt. Die Kinder schrien nachts in ihren Träumen, stürzten sich tagsüber auf Hausaufgaben oder das Fernsehen. Ich lernte, dass man auch ganz von vorne anfangen kann, wenn alles verloren scheint.
Meine Mutter in Chemnitz wollte es nicht glauben. „Sabine, so schlimm kann es doch nicht sein! Thomas ist doch immer so charmant gewesen.“ Ihre Stimme war wie ein Dolch. „Du hast dich schon immer manchmal zu sehr angestellt, Schätzchen.“ Ich hörte das alte Lied, das sie nach Papas Tod sang. Immer, wenn sie nicht wusste wohin mit ihrer Traurigkeit, wurde sie kalt wie Stahl. Ich legte einfach auf.
Mein Bruder Jochen verstand es besser. „Willst du, dass ich komme und helfe?“, fragte er. „Du bist meine Schwester.“ Das war alles. Ich weinte zum ersten Mal seit Jahren offen.
Der Neuanfang war schwer. Ich fand eine kleine Wohnung in Dresden-Prohlis, drei Zimmer, Hochhaus, grauer Teppichboden. Anna ging jetzt aufs Gymnasium, Frederik versuchte Freunde zu finden. Die Nachbarn liefen mit gesenktem Blick an uns vorbei. Im Supermarkt fragten die Kassiererinnen nicht, warum ich im Hochsommer lange Ärmel trug. Vielleicht wollten sie es nicht wissen.
Der Staat half uns – etwas Bürokratie, Bezirksamt, Sozialhilfe, Kindergeld. Aber niemand half mit der inneren Leere. Nächte, in denen ich an Thomas dachte, an die Jahre, in denen ich zu allem Ja und Amen gesagt hatte, weil ich Frieden wollte. War das wirklich Frieden gewesen? Oder hatte ich jeden Tag ein bisschen mehr von mir selbst verloren?
Ich suchte Hilfe. Zwei Mal die Woche Therapie. Frau Dr. Keller, jung, mit abgewetzten Sneakern. „Wie bleibt man Mensch?“, fragte ich. „Man erkennt, was einem angetan wurde“, sagte sie. Easier said than done, dachte ich, aber irgendwann merkte ich es doch.
Die Mädchen aus Annas Klasse tratschten. „Dein Vater will euch nur helfen. Warum bist du so gemein?“ Anna hielt das aus. Stärker als ich, glaube ich. Frederik schlug ein paarmal zu, wenn jemand Sprüche machte, aber die Schule blieb verständnisvoll. Ich lernte, wie es war, als Familie wirklich zusammenzuhalten. Nicht wie früher, sondern neu.
Draußen wechselten die Jahreszeiten. Der erste Schnee fiel, ich fühlte mich endlich wieder lebendig, als ich mit den Kindern durch den Großen Garten ging. Wir lachten, warfen mit Schneebällen. Ich dachte daran, wie wenig es manchmal braucht, um glücklich zu sein. Ein Atemzug ohne Angst reicht, um Hoffnung zu haben.
Thomas tauchte noch einmal auf, im März. Stand plötzlich unten am Spielplatz. Anna rannte zu mir, als sie ihn sah. Ich rief die Polizei, dieses Mal ohne Zittern in der Stimme. Sie kamen schnell. Thomas schrie, dass ich eine Hure sei, die ihm die Kinder gestohlen hätte, doch sie nahmen ihn mit. Seitdem hab ich keinen Kontakt mehr. Manchmal verfolgt mich sein Schatten in meinen Albträumen, aber immer seltener.
Nach einem Jahr hatte ich einen Job im Pflegeheim gefunden. Dort lernte ich Frau Zöllner kennen, eine 92-jährige Dame, deren Mann sie in den 50ern prügelte. Sie griff nach meiner Hand, als ich sie zum Fenster schob. „Wir Frauen sind stärker, als wir denken. Wir müssen nur überleben – und dann darüber sprechen.“ Ich nickte, lächelte. Ich hatte überlebt.
Heute stehe ich manchmal am Fenster meines neuen Lebens und frage mich: War ich jemals wirklich Sabine Müller, oder hat erst das Leiden mich zu Sabine Fischer gemacht? Und wie viele Frauen um uns herum denken, sie müssten schweigen? Was würde passieren, wenn wir alle anfangen, zu erzählen?
Was würdet ihr tun, wenn ihr merkt, das Zuhause ist nicht mehr sicher? Warum fällt es uns so schwer, Hilfe zu holen?