Zwischen Zwei Müttern: Mein Herz im Zwiespalt

„Kannst du nicht wenigstens am Wochenende für mich einkaufen?“ Die Stimme meiner Mutter schnitt durch das Telefon wie ein Messer. Ich stand im stickigen Wohnzimmer meiner Schwiegermutter, den Einkaufszettel in einer Hand, das Handy in der anderen. Mein Blick fiel auf die faltigen Hände von Helga, meiner Schwiegermutter, die zitternd versuchte, einen Kamillentee zu greifen.

„Mama, ich kann jetzt gerade nicht. Helga braucht ihre Medikamente—“

„Immer Helga! Und was ist mit mir? Ich war alles, was du je hattest, als dein Vater fort war.“

Es war ein Satz, der wie Blei in meiner Brust lag. Meine Mutter Margarete, eine der starken, unbeugsamen Frauen aus Ostberlin, war meine Heldin in meiner Kindheit. Doch jetzt, da ich selbst mitten im Leben stand, zog sie an mir wie ein schweres Gewicht, genau wie Helga es tat.

Seitdem mein Mann Jens vor zwei Jahren an Krebs gestorben war, bin ich zwischen zwei Welten gefangen. Jens, der mir in Wien mein Herz gestohlen hatte, war ein sensibler Mann, immer zwischen Pflichtgefühl und Freiheitsdrang. Nach seinem Tod blieb mir nur noch diese doppelte Verantwortung: Im Westen Berlins meine Mutter, im Osten Helga.

An manchen Tagen fühle ich mich wie eine Seiltänzerin – der Druck, jederzeit zu stürzen, ist allgegenwärtig. Morgens um sechs stehe ich auf, bereite für Helga Haferschleim vor, bevor ich ins Auto steige und meine Mutter abhole, um sie zum Arzt zu fahren.

Manchmal greife ich nach Luft, fühle mich wie eine Schauspielerin ohne Text. Nach außen hin gebe ich die brave Tochter und Schwiegertochter. Aber innen brodelt es, und oft bin ich wütend – wütend über das Alleinsein, wütend über all die Opfer, die niemand sieht.

Einmal, als ich Helga nach der Dialyse nach Hause brachte, platze ihr plötzlich heraus:

„Ich hab nie darum gebeten, dass du dich kümmerst! Ich weiß, deine Mutter ist wichtiger. Glaub nicht, ich merk nicht, wie du ständig auf die Uhr schielst.“

Ihre Worte trafen mich bis ins Mark. Ich warf ihr keine Vorwürfe vor, aber ihre Verbitterung spiegelte meine eigene wider. Ich erkannte mich darin; zwei Frauen, beide verwitwet, beide auf mich fixiert.

Abends, zurück in meiner kleinen Wohnung, öffnete ich das Fenster, ließ Berliner Straßenlärm herein, als wollte ich mich selbst daran erinnern, dass das Leben draußen weiterging. Mein Sohn Elias, 15 Jahre alt und in seiner eigenen Welt aus Computerspielen, merkte kaum, wie ich zur grauen Schattenfigur wurde.

„Mama, hast du mal zehn Euro für Pizza?“ Seine Stimme riss mich aus meinen Gedanken.

Ich versuchte zu lächeln. „Du kannst doch selber was kochen – oder helf mir bitte mal mit Helga.“

Er rollte die Augen, tippte auf seinem Handy. „Du kümmerst dich immer nur um Oma und Helga. Mich kriegt eh keiner mit.“

Es schnürte mir die Kehle zu. Ich wollte Elias erklären, dass Kümmern nicht gleich Lieben ist. Dass ich ihn mehr liebe als alle anderen – aber dass ich gefangen bin zwischen den Fronten.

Zwei Tage später ruft Margarete an. „Ach, du kommst heute gar nicht? Ich dachte, du machst die Heizung…“

Helga wartet währenddessen im Bad, schreit nach Hilfe. Ich schwitze Tränen – beiden Frauen bin ich nie genug.

Am Sonntag sitzen wir gemeinsam bei Margarete – notgedrungen, aus Pflicht, nicht aus Freude. Margarete speist Helga mit süßer Bitterkeit ab, fechtet kleine, stichelnde Wortduelle. Helga kontert mit eiserner Einsamkeit. Ich sitze zwischen ihnen, nehme alles auf wie ein nasser Schwamm.

„Weißt du, was mein größter Wunsch wäre?“ sagt Margarete zwischen zwei Bissen.

Ich hoffe auf ein Wunder, etwas Schönes, aber sie sagt nur leise: „Einmal sehen, dass du dich entscheidest. Immer dieses Hin und Her – das ist kein Leben.“

Helga sieht sie mitleidig an, doch ihre Stimme ist wie eine Schneide: „Du hast sie doch immer nur benutzt, Margarete. Seit sie klein war.“

Ein explosives Gemisch. Mein Blick geht zu Elias, der stumm am Rand sitzt. Wie fühlt es sich wohl für ihn an – mit einer Mutter, die dauernd zerrissen ist?

Nach Mitternacht fahre ich Helga nach Hause. Auf dem Rückweg bleibt mein Auto liegen – mitten in der Nacht, Mariendorfer Damm, und ich verzweifele. Ich sitze im Dunkeln, starre auf die Rücklichter der letzten Trams und frage mich, wofür ich das alles tue. Wo bleibe ich? Wer kümmert sich eigentlich um mich?

An einem besonders grauen Novembermorgen eskaliert es. Margarete und Helga geraten am Telefon aneinander, schreien sich gegenseitig Schuldgefühle über die Leitung. Ich schleudere mein Handy gegen die Wand, sinke auf den Küchenboden und heule zum ersten Mal seit Jahren hemmungslos.

Elias setzt sich daneben, legt vorsichtig seinen Arm um mich. „Mama, du musst dich entscheiden. Oder du gehst kaputt.“

Es ist ein ehrlicher, harter Satz. Ich weiß, er hat recht. Aber wem Schuldigen? Die Krankheit der Zeit, vielleicht, oder dass wir alle verlernt haben, zu teilen. Die nächsten Tage verschließe ich mich. Funktioniere nur noch. Ich fahre beide zum Arzt, bringe Medikamente, erledige Papierstapel von Anträgen für Pflegegrade. Im Wartezimmer beobachte ich meine Mitmenschen. Überall Mütter und Töchter. Alle wirken erschöpft, aber niemand spricht es laut aus.

Eine Woche später, nach einem weiteren Streit in Margaretes Küche – diesmal über ihre fehlende Rente – breche ich das Brot und sage: „Ihr könnt mich nicht weiter zerreißen. Ich liebe euch beide, aber ich kann nicht unbegrenzt geben.“

Margarete sieht mich an, und zum ersten Mal ist da etwas wie Angst in ihren Augen. Helga schweigt. Elias räumt wortlos ab. Es ist ein trauriger Sieg.

Von da an schaffe ich mich selbst durch, aber ich beginne auch, Hilfe zu suchen. Ich finde eine Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige. Treffe andere Frauen, die nicht mehr stark sein wollen. Wir trinken Kaffee in Prenzlauer Berg, und jemand sagt: „Du bist nicht allein“ – allein das ist wie Balsam.

Heute, wenn ich nachts nicht schlafen kann, frage ich mich: Ist das alles noch Familie, wenn man sich daran aufreibt? Wer bin ich geworden, zerrissen zwischen Sonntagssuppe und Medikamentenplänen, zwischen Schuld und Liebe?

Wie viele von euch kennen dieses Gefühl, für alle da sein zu müssen und sich dabei selbst zu verlieren? Muss das wirklich der Preis für die Liebe sein?