„Wir holen ihn nicht ab” – Im Schatten meines Bruders
„Sie wissen, dass Ihr Bruder Sie immer wieder sucht, oder, Frau Bader?“ Die Stimme der Oberärztin, Dr. Meissner, ist sachlich, aber in den Falten um ihren Mund sehe ich das Mitgefühl. Ich stehe im Schwesterndienstzimmer, mit klammen Händen am Rollwagen, die Liste der Medikamente vor mir. Die Wände scheinen auf mich zuzudrücken, draußen knarrt die alte Eichentür und irgendwo summt eine Vitalanzeige. Ich blicke nicht auf, als ich antworte: „Ja, Frau Dr. Meissner. Aber… er versteht ja oft nicht, was passiert.“
Mein Bruder Mark liegt in Zimmer 14. Nach einem Schlaganfall, das ist nun vier Wochen her. Unsere Mutter ist seit zwei Jahren tot, unser Vater lebt irgendwo am Starnberger See, aber spricht weder mit mir noch mit Mark. Fast ironisch: Die Bader-Kinder, so verschieden, und beide in der Lange nichts füreinander übriggehabt – und jetzt arbeite ich auf einer Station, auf der ausgerechnet mein eigener Bruder gepflegt wird. Ich bin für ihn einfach „die Schwester mit den dunklen Haaren“; dass ich wirklich seine Schwester bin, ist für das Team ein offenes Geheimnis, aber für Mark immer wieder Überraschung und Lastzugleich.
Ich erlebe Tag für Tag, wie er zwischen Aggression und Resignation schwankt. „Du bist schuld, dass ich hier bin!“ brüllt er manchmal, wenn ich das Fenster schließe oder dabei helfe, ihn umzubetten. Manchmal versucht er mich zu schlagen – doch meistens sind seine Gesten kläglich, seine Worte brüchig. Ich weiß, es ist die Krankheit, die spricht, nicht er. Aber wissen allein bewahrt nicht vor Schmerz.
Wenn ich Nachtdienst habe, komme ich oft an sein Bett, auch wenn ich längst frei hätte, und bleibe einfach sitzen. Ich beobachte, wie schwer ihm das Atmen fällt, wie seine Brust unter dem dünnen Laken auf und ab geht. Manchmal rede ich leise: „Mark, erinnerst du dich an die Sommer am Ammersee? An den letzten Geburtstag von Mama?“ Doch er antwortet selten. Wenn, dann mit einem keuchenden „Lass mich in Ruhe. Geh weg. Du hast doch eh kein Mitleid.“
Einmal, an einem Mittwochmorgen, finde ich ihn weinend. Er zieht sich die Decke über den Kopf, will nicht sprechen. Da ist es mir, als reißt ein alter, verborgener Schmerz wieder auf: Erinnerst du dich, wie Mama immer dich beschützt hat, Mark? Wie Papa mich ignorierte? Wie du mich mitgenommen hast, als Komplizin, als du spät nachts ihre Brieftasche gestohlen hast? Ich hielt das Familiengeheimnis unter meinem eigenen Herz, während du dich abgewandt hast, sobald die Luft brannte. Ich war immer nur „die Schwester von Mark“ – nicht genug für Liebe, aber gut für Alibi und Schweigen.
Jetzt wollen die Ärzte, dass die Angehörigen entscheiden, wie es weitergehen soll. Mark wird in den nächsten Tagen entlassen. Zurück in die Einzimmerwohnung in Neuperlach, die vollgestopft ist mit Büchern, leeren Flaschen und vergilbten Briefen. Niemand will ihn aufnehmen. Ich telefoniere mit unserem Vater. Er hebt ab, schweigt lang, dann atmet er schwer ins Telefon: „Er ist alt genug. Ich bin kein Sozialamt.“
Ich spüre Wut in mir brodeln. „Papa, das ist dein Sohn!“, rufe ich, lauter als ich wollte. „Du kannst ihn nicht einfach…“
Er unterbricht mich. Seine Stimme klingt kalt: „Du bist doch die Krankenpflegerin. Wenn du meinst, er gehört irgendwohin, dann kümmere dich halt. Aber ich komm nicht. Und das will deine Schwester übrigens auch nicht.“
Da begreife ich: Ich stehe alleine. Wieder einmal. Mark scheint so hilflos wie damals, als er mit acht unsere Mutter anflehte, ihm zu vergeben, dass er das Geschirr zerschlagen hatte. So klein, so schwach.
Am Tag seiner Entlassung ist Mark ruhig. Er sitzt aufrecht im Bett, die Blicke leer. Ich frage ihn: „Weißt du, dass heute dein letzter Tag hier ist?“ Er nickt. „Kommt jemand, um dich abzuholen?“ Er schüttelt den Kopf. Dann knallt es aus ihm heraus: „Sie kommen nicht. Warum auch. Ich hab doch niemanden mehr.“
Seine Stimme bricht.
Ich setze mich zu ihm. „Mark, vielleicht könnten wir… einander eine zweite Chance geben?“ Stille. Er starrt aus dem Fenster, in den Münchner Novemberregen. „Warum solltest du das wollen? Ich habe dich doch immer – naja, du warst nie wichtig. Immer nur da.“
Das tut weh. Aber da ist auch ein Stück Ehrlichkeit. Ich schweige eine Weile. Dann sage ich: „Vielleicht reicht es, wenn man irgendwann mal da bleibt, selbst wenn die anderen gegangen sind.“
Er beginnt zu lachen, bitter und gequält. „Du bist zu gut für mich, Anna. Oder zu blöd. Such dir was Eigenes.“
Ich fahre mit ihm im Rollstuhl zur Klinikpforte. Sein Blick wird panisch, als er merkt, dass draußen kein Vater, keine Schwester, niemand steht. Nur der Regen und die offene Tür. Ich spüre seine Hand umklammern meine, viel zu fest für seine Schwäche.
„Kommst du mit mir?“, fragt er leise. „Bitte. Wenigstens bis zur Wohnung.“
Wir fahren mit dem Taxi. Die Wohnung riecht nach kaltem Rauch und alten Zeitschriften. Ich öffne das Fenster, stelle Wasser auf den Tisch. Mark setzt sich langsam aufs Sofa, sieht aus wie ein abgeschobenes Kind. „Ich weiß nicht, worauf ich warten soll, Anna. Die Heilung kommt nicht mehr, oder?“
Ich schlucke. „Vielleicht nicht. Aber vielleicht kann zumindest etwas Ruhe einkehren.“ Wir schweigen lange. Ich sehe mich in der Wohnung um, entdecke Reste unser gemeinsamen Kindheit in Fotos und einem alten Comicband von Fix und Foxi.
Als ich gehe, sieht Mark mich lange an. „Danke, dass du mich hergebracht hast“, sagt er leise. „Wäre schön, wenn du mal wieder… naja… kommst.“
Draußen vorm Haus regnet es noch immer. Mein Arbeitsfrei ist zu Ende, morgen werde ich wieder neue Menschen versorgen, für die ich keine Schwester bin. Aber vielleicht, denke ich, ist genau das unsere einzige Chance: Dass wir manchmal Verantwortung für Menschen übernehmen, selbst wenn wir nie gelernt haben, wie das geht. Oder selbst wenn wir geglaubt haben, dass wir sie nie lieben konnten.
Wie ist das bei euch? Gibt es jemanden, für den ihr da wart, obwohl es euch schwergefallen ist? Und wie lange darf man Verantwortung für andere tragen, bevor sie zu schwer wird?