Mit dreien aus der Klinik: Ein Wiener Überlebenskampf zwischen Hoffnung und Angst
„Herr Huber, Ihre Frau ist jetzt bereit. Bitte kommen Sie gleich mit!“ – Die Stimme der Schwester hallte wie ein Donnerschlag durch die sterile Neonbeleuchtung des Krankenhauses. Mein Herz pochte bis zum Hals, während ich durch den Flur der Wiener Privatklinik eilte. Es war mitten in der Nacht im März – eigentlich sollte unser zweites Kind heute zur Welt kommen. Julia, meine Frau, lag bereits seit Stunden unter Wehen, ihr Gesicht kreidebleich, die Lippen zitternd. „Felix, ich habe so Angst. Es tut so weh…“, flüsterte sie und quetschte meine Hand. Ich schüttelte den Kopf, wollte stark sein, aber mein Magen drehte sich.
Plötzlich betrat Dr. Schneider das Zimmer. Er sah besorgt aus und redete mit leiser, eindringlicher Stimme: „Wir sehen auf dem Ultraschall noch ein bisschen mehr als erwartet. Bitte keine Panik – es sieht so aus, als wären es Drillinge.“ Die Worte trafen mich wie ein Faustschlag. Ich erstarrte, als ich in Julias entsetzte Augen blickte. „Was?! Wie kann das sein? Sie haben doch…“, stammelte ich. „Ja, wir hatten einen Ultraschall, aber manchmal verstecken sich die Kleinen hintereinander…“, sagte die Ärztin und legte Julia beruhigend eine Hand auf den Arm.
Meine Gedanken kreisten wild: Drei Babys?! In unserer kleinen Wohnung in Ottakring? Julia rang nach Luft. “Felix, was machen wir jetzt? Ich… Ich kann das nicht!“ Ihre Stimme war erstickt.
Doch es gab keinen Weg zurück. Das Team bereitete den OP vor. Ich konnte Julias Angst riechen, sie schüttelte, ein paar Tränen liefen ihr über die Wange. „Es wird alles gut. Ich bin bei dir, Julia. Unsere Familie schafft das“, versuchte ich, sie zu beruhigen, aber meine Stimme verriet mich. Panik, blanke Panik.
Die nächsten Minuten waren ein Rausch aus Lichtern, Geräuschen, dem hektischen Murmeln der Schwestern. Plötzlich hörte ich den ersten Schrei. Dann gleich zwei weitere, hintereinander, wie ein Echo – drei Miniaturstimmen erfüllten die Kälte des Saals. Mein Herz sprang, Tränen in meinen Augen – Freude, aber auch pure Überforderung.
Dr. Schneider kam auf mich zu und lächelte müde: „Gratulation, Herr Huber. Sie sind Vater von Drillingen.“ Schlagartig schien alles stillzustehen. Ich schaute sie an, als hätte sie einen schlechten Scherz gemacht. Aber nein. Aus der Ecke des Raumes hörte ich die winzigen Schreie meiner Kinder – Anna, Clara und Leo. Zu früh geboren, winzig, jeder in einen Inkubator gehüllt, überwacht von blinkenden Monitors.
Die ersten Nächte verbrachte ich schlaflos auf dem durchgesessenen Besuchersessel zwischen Piepen, Hektik und der Hoffnung, dass alle es schaffen. Julia lag erschöpft auf ihrem Bett, betäubt vor Schmerz, halb in Tränen, halb im Dämmerzustand. „Felix, wir sind überfordert. Was, wenn wir das alles vermasseln?“ flüsterte sie jede Nacht. Ich hielt ihre Hand, strich ihr über die Stirn und kämpfte gegen meine eigene Angst an. „Wir machen das zusammen“, sagte ich, manchmal überzeugt, oft einfach, um nicht zu verzweifeln.
Doch nicht alle Reaktionen waren freudig. Als meine Mutter zum ersten Mal zu Besuch kam, zog sie mich zur Seite. „Felix, wie wollt ihr das schaffen? Ihr habt kaum genug Geld für zwei Kinder, jetzt drei auf einmal? Denk doch nach, Junge.“ Ihre Stimme voller Sorge, aber auch Tadel. Ich spürte Scham, aber auch Wut. „Wir schaffen das, Mama. Wir müssen. Für Julia, für die Kinder.“
Auch mein Chef zeigte wenig Verständnis: „Herr Huber, Elternzeit, ja. Aber Drillinge… Sie wissen, dass das Ihre Aufgaben komplizieren wird?“ Ich nickte nur, wusste selbst nicht, wie ich Beruf und drei Babys unter einen Hut bringen sollte. Julia würde mindestens ein Jahr zu Hause bleiben – die Belastung für sie enorm. Und unsere Wohnung, mit den schrägen Böden, zu kleinem Bad, nur zwei Zimmer… Wie sollte das gehen?
Die ersten Wochen waren ein Überlebenskampf. Wir machten Listen, führten Schichtpläne, jede Flasche, jeder Windelwechsel wurde zur organisatorischen Meisterleistung. Nachts wurde ich oft gleichzeitig von Annas, Claras und Leos Schreien geweckt. Julia stillte, ich rannte zwischen Kühlschrank, Babybett und Windeleimer. Unsere Geduld verschwand, wir stritten, auch mal aus völliger Erschöpfung – zum Beispiel, als Leo die ganze Nacht hustete und Julia nur noch schluchzte: „Ich kann nicht mehr, Felix!“
„Komm, leg dich kurz hin, ich hab die Kleinen“, versuchte ich zu schlichten. Aber nach Stunden Schlafentzug explodierte ich auch mal: „Was soll ich denn noch machen? Ich kann doch auch nicht hexen!“ Das schlechte Gewissen fraß mich nach jedem Streit auf. Wir entschuldigten uns, lagen uns irgendwann tränenüberströmt in den Armen. „Wir müssen stark sein, für die Kinder, Schatz. Wir sind doch ein Team“.
Nach sechs Wochen in der Klinik dann der große Moment: Wir durften nach Hause. Drei Babys, drei Autositze, alles eine Nummer zu klein. Die Nachbarn, die uns neugierig mit ihren neugierigen Blicken begegneten, als wir mit unserem „Drillingswagen“ durch den Innenhof fuhren.
Der Alltag war chaotisch, unsere Wohnung verkam zum Schlachtfeld aus Spucktüchern, Spieldecken und Fläschchen. Unsere Eltern waren abwechselnd zu Besuch, doch über den schmutzigen Geschirrbergen brachen alte Familienkonflikte immer wieder hervor. Mein Vater, Fritz, meckerte über mein „unpraktisches Leben“: „Hättest du mal deine Ausbildung fertiggemacht, dann wäre das alles einfacher!“ Ich biss die Zähne zusammen. Julia warf ihm einen strengen Blick zu: „Wir brauchen jetzt keine Vorwürfe, sondern Hilfe.“
Die Beziehung zu meinen Eltern verschlechterte sich. Wir wurden lauter, schoben Schuld hin und her – aber in einer stillen Stunde bat mich meine Mutter, Ingrid, um Verzeihung: „Ich sorge mich nur so um euch.“ Wir umarmten uns. Die Familie hielt doch zusammen, wenn es darauf ankam.
Auch freundschaftlich war nichts mehr wie vorher: Viele Freunde zogen sich zurück, meldeten sich selten. „Ihr habt ja jetzt genug zu tun“, hieß es in einer SMS. Ich spürte die Isolation. Doch dann stand mein bester Freund Tom eines Abends vor der Tür, eine Tüte Pizza in der Hand: „Ich pass auf die Kids auf, ihr geht jetzt 45 Minuten um den Block. NUR zu zweit.“ Zum ersten Mal seit Monaten liefen Julia und ich Hand in Hand durch den Park und das Licht schien durch die Blätter wie früher. Wir sprachen nicht viel, aber unsere Liebe war da.
Die ersten Monate zogen sich zäh. Anna musste mit Verdacht auf Herzfehler erneut ins Spital. Julia und ich saßen jede Nacht am Bettchen, die Nerven blank. „Warum wir?“ fragte Julia einmal ins Dunkel. Ich wusste keine Antwort, drückte nur ihre Hand. Umso größer das Glück, als Anna nach drei Wochen gesund und munter wieder nach Hause kam. Wir feierten, backten Kuchen, lachten – vielleicht zum ersten Mal seit Langem befreit.
Mit Hilfe der Kinderärztin erhielten wir Unterstützung durch eine Sozialarbeiterin. Der Staat half beim Antrag auf Drillingsunterstützung, einen Kitaplatz erhielten wir erst nach endlosen Anrufen und Tränen vor dem Amt, weil alles in Wien überfüllt war. Die Bürokratie, die Behörden – das alles kostete Kraft.
Doch unsere Familie wuchs an ihren Aufgaben. Die Zwillinge lernten zu krabbeln, Leo kämpfte sich mit seinen ersten Gehversuchen tapfer durch das Wohnzimmer. Die Wohnung platzte aus allen Nähten, aber unsere Herzen ebenso: vor Stolz, vor Dankbarkeit, vor Liebe, die wir vorher nicht kannten. Wir träumten sogar laut von einem Haus am Stadtrand, sparten jeden Cent, diskutierten bis spät in die Nacht.
Dennoch blieben die Ängste. Die finanzielle Sorge, die Angst vor Krankheit, das schlechte Gewissen, nicht jedem Kind gleich viel Liebe schenken zu können. Ich begann abends, ein Tagebuch zu schreiben – über die Erschöpfung, die Traurigkeit, die aberwitzigen Momente, wie als Clara einmal heimlich das Klo überflutete.
Jetzt, zehn Jahre später, sitzen wir um unseren Küchentisch, Anna, Clara und Leo streiten, lachen, erzählen von der Schule. Julia lächelt und drückt meine Hand. Der Wahnsinn von damals ist geblieben, aber ich würde keinen Tag davon mehr missen wollen. Meine Familie ist mein größtes Abenteuer – und der Beweis, dass Liebe stärker ist als jede Angst.
Und manchmal frage ich mich: Wie hätten wir je ohne diese drei Sonnen in unserem Leben klargekommen? Was ist eure größte Herausforderung als Familie, und wie habt ihr sie überwunden?