Fünf Paar Socken am Tag – Wie Sebastians Zwang mein Leben veränderte

„Nicole, hast du die Socken wirklich schon gewaschen? Ich meine, richtig gewaschen?“

Sebastians Stimme hallte durch den Flur, als ich gerade die Einkaufstüten abstellte. Ich spürte, wie mein Herz einen Schlag aussetzte. Es war wieder einer dieser Tage. Ich wusste, was jetzt kam. Ich wusste, dass ich gleich wieder erklären musste, dass ich die Socken nicht nur gewaschen, sondern auch zweimal gespült und bei 60 Grad getrocknet hatte. Aber es würde nicht reichen. Es reichte nie.

„Ja, Sebastian. Sie sind frisch aus der Maschine. Ich habe sogar das Hygienespüler benutzt.“

Er stand im Türrahmen, die Stirn in Falten gelegt, die Hände nervös aneinander reibend. „Du weißt, wie wichtig das ist. Ich kann sonst nicht arbeiten gehen. Ich kann nicht…“

Ich unterbrach ihn nicht. Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte. Seit fast sieben Jahren lebten wir zusammen, seit fünf waren wir verheiratet. Und seit etwa vier Jahren war Sebastian nicht mehr der Mann, den ich kennengelernt hatte. Damals, als wir uns auf dem Weihnachtsmarkt in München trafen, war er charmant, witzig, ein wenig schüchtern. Ich verliebte mich in seine leisen Töne, seine Fürsorglichkeit. Aber heute war von dieser Leichtigkeit nichts mehr übrig. Heute war alles schwer, alles voller Regeln, voller Angst vor Keimen, vor Schmutz, vor dem Unbekannten.

Es begann schleichend. Zuerst war es nur das Händewaschen. Dann das Desinfizieren der Türklinken. Dann die Socken. Fünf Paar am Tag. Morgens, nach dem Frühstück, nach dem Mittagessen, nach dem Nachhausekommen, vor dem Schlafengehen. Immer neue Socken. Immer neue Waschladungen. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie viele Sockenpaare wir besaßen. Drei Schubladen voll. Und trotzdem war es nie genug.

„Ich kann das nicht mehr, Sebastian“, flüsterte ich eines Abends, als wir im Bett lagen. Er lag mit dem Rücken zu mir, starrte an die Wand. „Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte.“

Er drehte sich nicht um. „Du verstehst das nicht. Es ist wie… als würde ich ersticken, wenn ich nicht sicher bin, dass alles sauber ist.“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich fühlte mich hilflos. Ich liebte ihn noch immer, aber ich hasste das, was aus uns geworden war. Ich hasste, dass ich mich schuldig fühlte, wenn ich einen Fehler machte. Ich hasste, dass ich mich schämte, Freundinnen einzuladen, weil ich Angst hatte, sie könnten etwas schmutzig machen. Ich hasste, dass ich mich selbst verloren hatte in seinem Zwang.

Meine Mutter sagte immer: „Nicole, du musst an dich denken. Du kannst ihn nicht retten, wenn er sich nicht helfen lassen will.“ Aber wie sollte ich das? Wie sollte ich ihn allein lassen, wenn ich wusste, wie sehr er litt? Wie sollte ich gehen, wenn ich doch versprochen hatte, in guten wie in schlechten Zeiten?

Eines Tages, es war ein verregneter Dienstag im März, eskalierte alles. Ich kam von der Arbeit nach Hause, müde, erschöpft, und fand Sebastian im Badezimmer, wie er die Fliesen schrubbte. Mit einer Zahnbürste. Er hatte Tränen in den Augen, seine Hände waren rot und wund vom vielen Putzen.

„Was ist passiert?“, fragte ich vorsichtig.

Er sah mich an, als wäre ich ein Fremder. „Ich habe einen Fleck gesehen. Ich konnte nicht anders. Es hört nicht auf, Nicole. Es hört einfach nicht auf.“

Ich setzte mich zu ihm auf den Boden, nahm seine Hand. „Lass uns Hilfe holen. Bitte. Für dich. Für uns.“

Er schüttelte den Kopf. „Die denken doch alle, ich bin verrückt. Ich will nicht in eine Klinik. Ich will einfach nur, dass es aufhört.“

Ich weinte in dieser Nacht. Zum ersten Mal seit Jahren ließ ich die Tränen zu. Ich fühlte mich so allein. Ich hatte niemanden, mit dem ich reden konnte. Meine Freundinnen hatten sich zurückgezogen, weil ich immer absagte. Meine Eltern verstanden nicht, warum ich blieb. Und Sebastian war gefangen in seiner eigenen Welt.

Die Wochen vergingen. Ich funktionierte nur noch. Arbeit, Haushalt, Socken waschen, Sebastian beruhigen. Ich hatte keine Kraft mehr für mich selbst. Ich vergaß, wie es war, zu lachen. Ich vergaß, wie es war, einfach mal nichts zu tun. Ich vergaß, wie es war, geliebt zu werden, ohne Bedingungen, ohne Angst.

Eines Abends, als ich spät von einer Fortbildung nach Hause kam, fand ich Sebastian im Wohnzimmer. Er saß auf dem Boden, umgeben von Socken. Er weinte. „Es tut mir leid, Nicole. Ich weiß, ich mache alles kaputt. Ich weiß, du hast etwas Besseres verdient.“

Ich setzte mich zu ihm. „Ich will dich. Aber ich will nicht mehr so leben. Ich kann nicht mehr. Bitte, lass uns Hilfe holen.“

Dieses Mal nickte er. Zum ersten Mal. Wir suchten gemeinsam nach einem Therapeuten. Es war schwer, einen Platz zu finden. Die Wartezeiten waren lang. Aber wir hielten durch. Sebastian begann eine Verhaltenstherapie. Es war ein langer Weg. Es gab Rückschläge. Es gab Tage, an denen ich dachte, ich schaffe es nicht. Aber es gab auch kleine Erfolge. Einmal schaffte er es, einen ganzen Tag mit nur zwei Paar Socken auszukommen. Ein anderes Mal ließ er mich die Waschmaschine befüllen, ohne alles zu kontrollieren.

Unsere Beziehung blieb angespannt. Es gab viele Gespräche, viele Tränen, viele Zweifel. Ich fragte mich oft, ob Liebe allein reicht. Ob ich stark genug bin, um das durchzustehen. Ob ich nicht irgendwann selbst daran zerbreche.

Meine Mutter sagte: „Du bist mutig, Nicole. Aber du musst auch auf dich achten.“ Ich begann, wieder mehr für mich zu tun. Ich traf mich mit Freundinnen, ging zum Yoga, las Bücher. Ich lernte, dass ich nicht nur Sebastians Frau bin, sondern auch Nicole. Dass ich Bedürfnisse habe. Dass ich Grenzen setzen darf.

Sebastian kämpfte weiter. Es wurde besser, aber nie ganz gut. Manchmal, wenn ich ihn ansah, sah ich den Mann, in den ich mich verliebt hatte. Manchmal sah ich nur den Zwang. Ich weiß nicht, wie unsere Zukunft aussieht. Ich weiß nur, dass ich alles versucht habe. Dass ich geliebt habe, so gut ich konnte. Dass ich nicht aufgegeben habe, auch wenn es leichter gewesen wäre.

Manchmal frage ich mich: Wie viel kann Liebe aushalten? Wann ist es genug? Und wie entscheidet man, ob man bleibt – oder geht?