Wiedersehen im Supermarkt: Als ich merkte, dass ich nur eine Nebenrolle spiele

„Ach, Jana? Bist du das wirklich?“ Die Stimme trifft mich wie ein Blitz, während ich gerade versuche, das günstigste Bio-Brot aus dem Regal zu ziehen. Ich drehe mich um und sehe sie – Lisa. Ihre blonden Haare sind jetzt noch heller, fast weiß, und sie trägt einen Mantel, der nach teurem Parfüm riecht. Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt. Seit einem halben Jahr haben wir kein Wort mehr gewechselt. Nicht, weil wir gestritten hätten, sondern weil das Leben einfach… dazwischenkam. Oder vielleicht war es doch mehr als das?

„Lisa! Was für eine Überraschung!“, sage ich, bemüht, meine Stimme nicht zittern zu lassen. Sie lächelt breit, aber ihre Augen scannen mich von oben bis unten. Ich fühle mich plötzlich wie eine Schülerin, die zu spät zum Unterricht kommt. „Wie geht’s dir?“, frage ich, doch sie winkt ab, als hätte sie keine Zeit für Smalltalk.

„Ach, weißt du, ich habe so viel um die Ohren! Die Kinder, die Arbeit, und dann noch der Stress mit Thomas…“ Sie rollt mit den Augen. „Du glaubst nicht, was er sich wieder geleistet hat. Gestern hat er vergessen, die Kita-Rechnung zu überweisen. Ich musste alles alleine regeln. Und dann noch meine Mutter – sie ruft jeden Tag an, weil sie denkt, ich hätte nichts zu tun!“

Ich nicke, versuche, Verständnis zu zeigen, aber innerlich frage ich mich, ob sie überhaupt wissen will, wie es mir geht. Früher haben wir uns gegenseitig zugehört, uns gegenseitig aufgefangen. Jetzt scheint es, als würde ich nur noch als Zuhörerin gebraucht. „Das klingt wirklich anstrengend“, sage ich vorsichtig. „Und wie geht’s dir dabei?“

Sie lacht kurz auf, ein scharfes, fast spöttisches Lachen. „Ach, ich komme schon klar. Ich muss ja. Weißt du, manchmal habe ich das Gefühl, alles bleibt an mir hängen. Thomas ist ständig auf Geschäftsreise, und die Kinder… naja, du weißt ja, wie das ist.“

Ich will ihr sagen, dass ich es eben nicht weiß. Ich habe keine Kinder, keinen Thomas, keinen Alltag, der mich auffrisst. Mein Leben ist ruhiger, vielleicht auch einsamer. Aber ich traue mich nicht, das auszusprechen. Stattdessen frage ich: „Und was macht dein Job?“

Sie beginnt, von ihrem neuen Projekt zu erzählen, von Meetings, die bis spät in die Nacht gehen, von Kollegen, die sie beneiden, weil sie alles so gut im Griff hat. Ich höre zu, nicke, lächle an den richtigen Stellen. Doch mit jedem Satz spüre ich, wie die Distanz zwischen uns wächst. Früher haben wir uns gegenseitig Mut gemacht, uns unsere Ängste anvertraut. Heute bin ich nur noch das Publikum in ihrem Ein-Frau-Stück.

Plötzlich klingelt ihr Handy. Sie schaut aufs Display, runzelt die Stirn. „Sorry, ich muss rangehen. Es ist Thomas.“ Sie dreht sich weg, spricht leise, aber ich höre trotzdem die angespannte Stimme. „Ja, ich bin gleich da. Nein, ich habe die Milch schon gekauft. Ja, ich bringe sie mit.“

Als sie auflegt, lächelt sie wieder, aber das Lächeln ist müde. „Tut mir leid, ich muss los. Die Kinder warten.“ Sie umarmt mich flüchtig, als wäre ich eine entfernte Bekannte. „Wir müssen unbedingt mal wieder Kaffee trinken, ja? Ich melde mich!“

Ich bleibe zwischen den Regalen stehen, das Brot in der Hand, und spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Nicht, weil Lisa mich verletzt hat, sondern weil ich plötzlich begreife, dass unsere Freundschaft nicht mehr das ist, was sie einmal war. Ich bin zur Statistin geworden, eine Randfigur in ihrem hektischen Leben.

Auf dem Heimweg denke ich an unsere gemeinsamen Nachmittage im Café, an die Gespräche über Träume, Ängste, Zukunftspläne. Damals war alles möglich. Heute scheint alles festgefahren. Ich frage mich, ob es meine Schuld ist, dass wir uns verloren haben. Hätte ich mehr kämpfen sollen? Oder ist es einfach das Leben, das uns auseinandergetrieben hat?

Zu Hause setze ich mich an den Küchentisch, das Brot vor mir, und schreibe ihr eine Nachricht. „Schön, dich gesehen zu haben. Pass auf dich auf.“ Ich weiß, dass sie wahrscheinlich nicht antworten wird. Aber vielleicht reicht es, dass ich es versucht habe.

Manchmal frage ich mich: Wann haben wir aufgehört, uns wirklich zuzuhören? Und wie viele von uns merken gar nicht, dass sie nur noch Nebenrollen im Leben anderer spielen?