„Ich bekomme so viele Kinder, wie ich will“: Die Geschichte einer zerrissenen Familie aus Regensburg

„Du bist doch verrückt, Katrin! Wie stellst du dir das eigentlich vor? Vier Kinder? In dieser Zeit?“

Meine Stimme hallte durch das Wohnzimmer meiner Eltern in Regensburg, während draußen der Regen gegen die Fensterscheiben trommelte. Katrin stand mir gegenüber, die Arme verschränkt, das Kinn trotzig erhoben. Unsere Mutter saß auf dem Sofa, die Hände nervös ineinander verschlungen, und unser Vater starrte aus dem Fenster, als könnte er sich so aus dem Streit herausschleichen.

„Thomas, ich habe dir schon hundertmal gesagt: Es ist mein Leben! Ich bekomme so viele Kinder, wie ich will!“, fauchte Katrin zurück. Ihre Stimme bebte vor Wut, aber ich sah auch die Unsicherheit in ihren Augen. Sie war immer die Rebellin gewesen, diejenige, die gegen alles und jeden aufbegehrte. Aber diesmal ging es nicht um eine neue Haarfarbe oder einen Auslandsaufenthalt – diesmal ging es um ihre Zukunft, um unsere Familie.

Ich spürte, wie mir das Herz gegen die Rippen schlug. „Und wer soll das alles bezahlen? Ihr lebt doch jetzt schon am Limit! Du bist Erzieherin, Sebastian verdient als Handwerker auch nicht die Welt. Vier Kinder, Katrin! Das ist doch Wahnsinn!“

Katrin schnaubte. „Du hast doch keine Ahnung, wie das ist! Du mit deinem Bürojob, deinem schicken Auto und deiner Eigentumswohnung. Nicht jeder will so leben wie du, Thomas!“

Unsere Mutter versuchte zu beschwichtigen. „Kinder, bitte… Wir sind doch eine Familie. Können wir nicht einfach…“

„Nein, Mama!“, unterbrach ich sie. „Es geht hier nicht um eine Kleinigkeit. Katrin denkt überhaupt nicht nach! Sie sieht doch, wie schwer es schon mit den beiden Kleinen ist. Und jetzt noch zwei mehr?“

Katrin drehte sich abrupt um, Tränen standen ihr in den Augen. „Ich will das! Ich habe immer von einer großen Familie geträumt. Und Sebastian auch. Wir schaffen das schon.“

Ich schüttelte den Kopf. „Du bist naiv. Die Mieten steigen, die Preise auch. Und was ist mit den Kindern? Sie werden nie das bekommen, was sie verdienen. Du kannst ihnen doch kein schönes Leben bieten, wenn ihr ständig am Existenzminimum kratzt!“

Katrin schlug mit der Faust auf den Tisch. „Du hast keine Ahnung, was ein schönes Leben ist! Glück hat nichts mit Geld zu tun, Thomas! Ich will, dass meine Kinder zusammen aufwachsen, dass sie füreinander da sind. Ich will kein Einzelkind, das einsam vor dem Fernseher sitzt, während die Eltern arbeiten!“

Ich spürte, wie die Wut in mir aufstieg. „Und was ist mit dir? Willst du dich aufopfern, bis du selbst nicht mehr kannst? Du bist jetzt schon am Ende deiner Kräfte. Ich sehe es doch! Du bist ständig müde, Sebastian ist auch überfordert. Und dann noch zwei Babys?“

Katrin wandte sich ab, ihre Schultern bebten. „Du verstehst es einfach nicht. Du hast nie verstanden, was mir wichtig ist.“

Die Stimmung war zum Zerreißen gespannt. Unsere Mutter weinte leise, unser Vater verließ wortlos das Zimmer. Ich blieb zurück, voller Frust und Hilflosigkeit. Ich wollte doch nur helfen, verhindern, dass Katrin sich übernimmt. Aber sie sah in mir nur den Besserwisser, den Spielverderber.

In den Wochen danach sprachen wir kaum miteinander. Bei Familienfeiern herrschte eine eisige Stimmung. Die Kinder von Katrin – zwei Mädchen, fünf und drei Jahre alt – spürten die Anspannung und klammerten sich an ihre Mutter. Sebastian, ihr Mann, versuchte zu vermitteln, aber auch er war erschöpft. Die Wohnung war zu klein, das Geld knapp, die Nerven lagen blank.

Eines Abends rief mich meine Mutter an. „Thomas, kannst du bitte mit Katrin reden? Sie ist so traurig. Sie fühlt sich von uns allen im Stich gelassen.“

Ich seufzte. „Mama, ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Sie hört ja nicht auf mich.“

„Vielleicht solltest du einfach zuhören, Thomas. Nicht immer nur kritisieren. Sie braucht dich.“

Ich dachte lange über die Worte meiner Mutter nach. Hatte ich wirklich nur kritisiert? Hatte ich Katrin überhaupt zugehört? Oder war ich so sehr von meinen eigenen Vorstellungen überzeugt, dass ich ihre Wünsche gar nicht ernst genommen hatte?

Ein paar Tage später stand ich vor Katrins Tür. Die Kinder tobten im Flur, Sebastian kochte in der winzigen Küche. Katrin sah mich überrascht an, als ich eintrat.

„Was willst du hier?“, fragte sie leise.

Ich trat unsicher ein. „Ich wollte… reden. Oder zuhören. Vielleicht beides.“

Sie setzte sich auf das Sofa, zog die Knie an die Brust. „Du hast doch eh schon deine Meinung.“

Ich setzte mich neben sie. „Vielleicht war ich zu hart. Ich wollte dich nicht verletzen. Ich mache mir einfach Sorgen.“

Katrin sah mich an, Tränen liefen ihr über die Wangen. „Ich weiß, dass es schwer wird. Aber ich will das wirklich. Ich will, dass meine Kinder Geschwister haben. Ich will, dass sie nie allein sind. Ich hatte immer dich, Thomas. Auch wenn wir gestritten haben – ich wusste, du bist da. Das will ich meinen Kindern auch geben.“

Ich schluckte. Plötzlich verstand ich, was sie meinte. Unsere Kindheit war nicht immer leicht gewesen. Unsere Eltern hatten viel gearbeitet, aber wir hatten immer einander gehabt. Die langen Sommerferien am Chiemsee, die Streitereien um das letzte Stück Kuchen, die gemeinsamen Hausaufgaben am Küchentisch. Vielleicht war das wirklich mehr wert als ein großes Haus oder teure Urlaube.

„Aber wie willst du das schaffen, Katrin? Du bist so oft erschöpft. Und Sebastian auch. Ihr habt kaum Unterstützung.“

Katrin lächelte traurig. „Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe, dass es irgendwie geht. Vielleicht hilft mir das Jugendamt, vielleicht finde ich eine bessere Stelle. Oder wir ziehen aufs Land, wo die Mieten günstiger sind. Ich weiß nur, dass ich es will. Und dass ich es versuchen muss.“

Ich nahm ihre Hand. „Wenn du das wirklich willst, dann unterstütze ich dich. Aber bitte, sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst. Ich will nicht, dass du daran zerbrichst.“

Katrin nickte. „Danke, Thomas. Das bedeutet mir viel.“

Die Monate vergingen. Katrin wurde wieder schwanger, und die Herausforderungen wurden nicht weniger. Die Familie rückte enger zusammen, aber die Spannungen blieben. Unsere Eltern waren hin- und hergerissen zwischen Sorge und Stolz. Ich half, so gut ich konnte – mit Geld, mit Zeit, mit Nerven. Aber manchmal fragte ich mich, ob ich wirklich das Richtige tat.

An Weihnachten saßen wir alle zusammen am Tisch. Die Kinder lachten, Katrin strahlte trotz der Müdigkeit. Ich sah sie an und fragte mich: Hatte ich das Recht, ihr Leben zu beurteilen? Oder war es meine Aufgabe, einfach da zu sein, egal wie schwer es wurde?

Was denkt ihr? Soll man sich in die Entscheidungen seiner Geschwister einmischen – oder sollte man sie einfach machen lassen, auch wenn man Angst um sie hat? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Ich bin gespannt auf eure Meinungen.