„Ich entscheide selbst, wie viele Kinder ich will“: Die Geschichte einer geteilten Familie aus Regensburg
„Du verstehst es einfach nicht, Anna – ich will viele Kinder, und das ist meine Entscheidung! Wieso kannst du das nicht akzeptieren?“ Janas Stimme zitterte, als sie das sagte. Wir standen in ihrer engen Küche in Regensburg, zwischen Kinderspielzeug und den neuesten, überlaufenden Wäschekörben. Ich hatte mich extra nach Feierabend von München auf den Weg gemacht, um sie zu sehen – und zum fünfzehnten Mal in diesem Jahr endete unser Treffen im Streit. „Aber Jana, du hast doch schon drei! Ihr kommt kaum über die Runden, und Paul sieht so erschöpft aus. Ich mache mir einfach Sorgen. Ich will doch nur, dass es euch gut geht.“ Es war, als hätte ich ihr eine Ohrfeige gegeben.
Eigentlich wollten wir doch immer zusammenhalten – zwei Schwestern, so unterschiedlich wie Tag und Nacht, aber doch immer füreinander da. Ich bin die Ältere, die mit dem Bürojob und der kleinen, aber feinen Altbauwohnung mitten in Schwabing. Jana war schon immer das Gegenteil: wild, spontan, fast ein bisschen leichtsinnig, wie meine Mutter schreien würde, wenn sie uns hörte. Aber als sie mir vor vier Jahren eröffnete, dass sie nicht nur ein zweites, sondern ein drittes Kind haben wolle, spürte ich eine Kälte zwischen uns, die vorher nicht da gewesen war. Es war ihr Lächeln, fast trotzig, und der entschlossene Glanz in ihren Augen – damals ahnte ich schon, dass da etwas in Bewegung gekommen war, das ich nicht würde aufhalten können.
Unsere Eltern reagierten wie üblich: Mutter schweigend-seufzend, Vater mit einem resignierten Achselzucken. „Sie weiß schon, was sie macht“, murmelte er. Ich war mir da nicht so sicher. Regensburg war teuer geworden, Paul, Janas Mann, hangelte sich von Techniker-Job zu Techniker-Job, und Jana arbeitete im Kindergarten, Teilzeit. „Du kannst doch froh sein, dass ich überhaupt arbeite, Anna!“ entgegnete sie mir einmal bissig, als ich zu vorsichtig gefragt hatte, wie sie sich das alles vorgestellt habe. Ihre Antwort hallte in mir nach. Konnte man da noch sagen, dass es nicht reichte? Oder würde ich dann ihre Realität leugnen?
Je mehr Kinder Jana bekam, desto weniger sprach sie mit mir über echte Sorgen. Das, was wir früher hatten – nächtelanges Reden, gemeinsames Lachen über die Schrullen unserer Eltern, das war weg. Stattdessen Distanz, Streit – oder schlimmer noch: Schweigen. Paul musste manchmal abends mit den Kindern im Flur Monopoly spielen, weil Jana mit mir in der Küche diskutierte und sie „keine kleinen Zuhörer“ dabeihaben wollte. Ich sah seine Schultern hängen und die dunklen Augenringe im Gesicht. Manchmal war ich wütend auf ihn, dass er Jana nicht bremste, manchmal tat er mir leid.
Eines Abends, letzten Herbst, stand ich rauchend auf dem Balkon ihrer Wohnung – früher hätten wir zusammen eine Zigarette geteilt, jetzt war sie seit dem dritten Kind strenge Nichtraucherin und warf mir finstere Blicke zu. Durch die Balkontür hörte ich sie mit Mutter telefonieren. „Ich kann Annas Sorgen nicht mehr hören, sie versteht einfach nichts von meiner Welt“, sagte sie. Ich merkte, wie ich die Tür zuknallte. Plötzlich kam alles zusammen: die müden Erklärungen, dass ich nur helfen will, die schlaflosen Nächte, in denen ich überlegte, wie ich sie unterstützen könnte – und sie nahm es als Angriff. Aber wie sollte ich zuschauen, wenn sie sich selbst und ihre Familie in den Ruin trieb?
Im Dezember kam dann ihr vierter Junge zur Welt. Ich fuhr ins Krankenhaus, hielt das rotgesichtige Bündel in den Armen, und für einen Moment fiel alle Wut ab. Er war so klein, so verletzlich, und ich war, wie immer, sofort verliebt in mein Neffenbaby. Aber dann kam Paul ins Zimmer, mit seinem abgehetzten Blick, ein Handy in der Hand, auf dem schon wieder Nachrichten vom Chef blinkten. „Wir schaffen das“, lächelte Jana mittendrin. Ich glaubte ihr nicht.
Nach der Geburt wurde alles noch schwieriger. Immer öfter bekam ich SOS-Nachrichten: „Kannst du am Wochenende kommen? Paul muss arbeiten, ich weiß echt nicht, wie ich das machen soll mit allen Kindern.“ Ich sprang oft ein, nahm die drei Großen mit auf den Spielplatz oder fuhr sie zum Judo, brachte Pizza mit oder stopfte gefühlt eine ganze Waschmaschine voller Bodys für sie durch. Aber jedes Mal, wenn ich abends nach Hause fuhr, fühlte ich mich ausgesaugt. Ich begann, den Kontakt hinauszuzögern. Jana spürte es. „Du bist auch wie die anderen, einfach weg, wenn’s schwierig wird“, schrieb sie mir einmal. Ich antwortete nicht – zum ersten Mal in meinem Leben ignorierte ich ihre Nachricht.
Im März gab es den endgültigen Krach beim Geburtstag meines Vaters. Alle waren gekommen – mein Bruder Moritz mit seiner Freundin aus Wien, meine Eltern, Janas Kinder kreischend um den Esstisch. Irgendwann, als die Stimmung schon gereizt war, kam das Gespräch auf den neuen Kindergartenplatz. Mein Vater fragte harmlos: „Und, Jana, willst du noch ein Kind?“ – Lachen im Raum, sogar Paul grinste müde. Jana wurde still. Sie drehte sich zu mir: „Na, Anna, was sagst du? Soll ich noch eins kriegen? Oder hast du dann endlich genug Angst um mich?“
Alle starrten uns an, und ich sah noch, wie Mutter ihre Hände ringend zusammenlegte. „Du, ich kann’s wirklich nicht mehr hören. Ich hab meine Meinung, du hast deine, aber ich werd‘ dich nicht ewig retten können!“ hörte ich mich sagen. Meine Worte klangen schärfer, als ich wollte. Jana sprang auf. „Du bist nicht meine Mutter! Ich will einfach, dass du mich sein lässt! Es ist meine Familie, mein Körper, mein Leben! Willst du bestimmen, wie ich zu leben habe? Weil du in München ein ‚perfektes‘ Leben führst? Ist das das Ideal, dem ich folgen soll?“
Niemand sagte mehr etwas. Die Stille war drückend, nur das leise Geräusch von Janas jüngstem Sohn, der zu meckern begann. Jana schnappte sich die Kinderjacken, Paul seine Autoschlüssel. „Komm, wir gehen!“ rief sie wütend, noch bevor jemand reagieren konnte. Traumwandlerisch zog sie ihre Kinder an, während mein Vater hilflos seine Kaffeetasse füllte. Ich blieb einfach sitzen. Ich sah Mutter an, die mir nur hilflos die Schulter tätschelte.
Seitdem haben Jana und ich nicht mehr wirklich gesprochen. Ab und zu bekomme ich WhatsApp-Bilder, die Alltägliches zeigen: Kinder in Matschhosen, ein frisch gebackener Kuchen, der vierte Geburtstag. Aber kein Wort – kein „Wie geht’s?“, kein Anruf. Wenn ich traurig bin, schau ich mir manchmal die alten Fotos an: Wie wir beide als Kinder im Sommer im Garten in Niederbayern auf der Wiese liegen, lachend, unbeschwert. Zwei Leben, die auseinanderdriften, einfach, weil zwei Menschen unterschiedliche Wege wählen. Jana wollte immer große Familie, Lachen, Chaos, Liebe. Ich wollte Sicherheit, Klarheit, Ruhe. Gibt es da noch einen Weg zurück zueinander? Hätte ich die Klappe halten sollen, einfach nur da sein, ihre Entscheidung akzeptieren?
Oder ist es nicht richtig, Angst um jemanden zu haben, den man liebt – auch wenn man ihn damit verliert? Manchmal frage ich mich: Wer bin ich, dass ich über das Glück meiner Schwester urteilen will? Und doch frage ich wiederum: Wer ist sie, dass sie mich einfach rausschiebt?